Bericht von meinem Besuch in der KZ-Gedenkstätte Dachau

An einem trüben Sommertage im Juli 1987 besuchte ich die KZ-Gedenkstätte in Dachau, nahe bei München.
Das Konzentrationslager bildet ein Rechteck von etwa 300 Metern Breite und 600 Metern Länge. Westlich davon lag das Ausbildungslager der SS. Von diesem führte eine breite asphaltierte Strasse zum Gefangenenlager.

"Arbeit macht frei" steht in großen Buchstaben auf dem mit schwerem Eisengittern verschließbarem großen Tor am Ende dieser Straße am so genannten "Jourhaus". Das "Jourhaus" barg im oberen Stockwerk die SS-Behörde, die Schreibstube des Lagerführers und seiner Stellvertreter, auch die Büros des Gestapo-Vernehmungskommissars. Im Erdgeschoß waren die Schreibstuben der Rapportführer und die Wachstuben.

Direkt hinter dem Lagereingang stößt man auf eine Gedenktafel: "Möge das Vorbild derer, die hier von 1933 bis 1945 wegen ihres Kampfes gegen den Nationalsozialismus, ihr Leben ließen die Lebenden vereinen zur Verteidigung des Friedens und der Freiheit und in Ehrfurcht vor der Würde des Menschen."

An den wichtigsten Stellen und an den Kurven waren Wachtürme aufgestellt, die von SS-Männern besetzt waren, u.a. auf dem schon erwähnten "Jourhaus", von dem herab oft die das Ohr der Gefangenen so verletzende Stimme des SS-Offiziers erscholl: "Turm A ohne Neuigkeiten". Währenddessen spielten sich aber in der Nähe des Turmes geradezu dantische Szenen ab, wie Schlagen, Treten, Misshandeln, Morden der Gefangenen, Aufnahme von Transporten, die sich aus Halbtoten und solchen Gefangenen zusammensetzten, die zur sofortigen Liquidierung bestimmt waren. Aus den Türmen ragten die Maschinengewehrläufe, die auf das Lager gerichtet waren. Bei irgendeiner verdächtigen Bewegung im "neutralen Streifen" bzw. in der Nähe des Grabens und des Stacheldrahtes wurde von den Türmen ohne Warnung geschossen, und der Gefangene, der sich auf diesem Gebiet befand, wurde sofort "umgelegt". Es kam des Öfteren vor, dass Gefangene im Zustand von Wahnsinn und Verzweifelung sich bei Nacht gegen die Drähte warfen und dort umkamen.

Die Baracken auf der linken Seite der Lagerstraße, die mit den geraden Zahlen 2 bis 30 nummeriert waren, wurden von den arbeitenden Gefangenen bewohnt. Die zwei bzw. fünf ersten Baracken auf der rechten Seite bildeten das Revier. Ins Revier wurden solche Häftlinge aufgenommen, die in den meisten Fällen entweder bis zu einem solchen Grade geschwächt waren, dass sie sich nicht mehr mit eigenen Kräften auf den Beinen halten konnten, oder dorthin von bekannten, hilfsbereiten Mitgefangenen gebracht wurden. Die Pfleger im Revier waren Gefangene. Ab 1942 durften auch Häftlingsärzte im Revier Pflegedienst tun. An der Spitze dieser Pflegertruppe stand ein Revierkapo, von dem die Behandlung des Kranken abhing. Ein sadistisch veranlagter Revierkapo beseitigte ohne Wissen des aufsichthabenden SS-Arztes kranke Gefangene mit Hilfe von Spritzen, sowie durch selbst ersonnene Torturen. Hinter der Revierschreibstube, in welcher man genaue Übersichten über die Kranken und Verstorbenen führte, befanden sich noch in den gleichen Baracken Räume, in denen man Leichen sezierte, um fast immer die Gleichlautende Todesursache festzustellen: "Versagen von Herz- und Blutkreislauf."
Dort war auch eine Leichenhalle, in der man Leichen und menschliche Skelette aufbewahrte. Als dort kein Platz mehr war, schichtete man die Leichen auf der Straße auf einem Haufen, von wo sie dann zum Krematorium gebracht wurden. Wie Mehlsäcke lud man sie in den letzten Monaten, als der Typhus täglich hundert und mehr Opfer forderte, auf einen Lastwagen, den so genannten "Moorexpress". Später waren einzelne Baracken in gewissem Sinne isoliert, weil hier entweder nur Invaliden oder mit Krätze behaftete wohnten, oder, wie in der Endphase des Lagerbestehens, Flecktyphuskranke. Die Baracke Nummer 15 wurde ein paar Jahre lang als ein Block mit besonders schweren Ausnahmestrafen angesehen. Dort hatte man nämlich die so genannte "Strafkompanie" untergebracht, zu der vor allem Juden bestimmt wurden. 1938 kam fast die ganze österreichische Regierung in diese "Strafkompanie".

Die Wohnbaracken, Blöcke mit einem Ausmaß von etwa 100 Metern Länge und 10 Metern Breite, bestanden aus zwei Teilen, in die eigene Eingänge führten. Durch den Haupteingang gelangte man gewöhnlich zu zwei Stuben, von denen jede zwei Zimmer besaß, nämlich einen Tages- und einen Schlafraum. Im Tagesraum standen, entlang den Wänden, 45 Spinde, für jeden Gefangenen einer, und ebenso viele Hocker, sowie vier Tische, im Schlafraum die gleiche Anzahl von Betten, mehrere übereinander.
Waschraum und Abort trennten eine Stube von der anderen. Die Baracken waren so eingerichtet, dass sie für 90 Personen ausreichten, d.h. für Gefangene von zwei Stuben.
Eine Baracke war anfänglich für 180 Personen geplant, das ganze Lager für 5000 Personen. Später waren statt 45 vielfach 200 und mehr Insassen in einer einzigen Stube.

Zu den Wirtschaftsgebäuden gehörten umfangreiche Magazine, Effektenkammern zur Aufbewahrung privater Sachen der Gefangenen, eine große Duschanlage für etwa 150 Personen, ferner eine große, neuzeitlich eingerichtete Küche, Keller, Wäscherei und Kleidermagazine. Von den Wirtschaftsgebäuden aus führte ein Weg durch Blumenbeete zum Appellplatz.
Zur Vollständigkeit der Einrichtung des Konzentrationslagers müsste man noch die Baracken und Gebäude zählen, die sich zwar ringsum außerhalb des Stacheldrahtes befanden, mit denen die Gefangenen in ihrem Lagerleben jedoch auch indirekt oder auch direkt in Berührung kamen.
Vor dem Wirtschaftsgebäude steht heute ein Mahnmal.
Außerhalb des eigentlichen Lagers befindet sich das Krematorium, anfangs eine Holzbaracke, später ein Steinbau, hauptsächlich von Gefangenen der Strafkompanie, auch österreichischen und polnischen katholischen Geistlichen errichtet, denen man das Maurerhandwerk beigebracht hatte. Dieses Krematorium war dicht am Lager in westlicher Richtung in einem kleinen grünen Wald gelegen. Bei dam meist vorherrschenden Westwind war das ganze Lager oft mit beißendem Leichengeruch erfüllt. Der Brandgeruch erinnerte die Gefangenen an ihren nahen Tod und wirkte natürlich allgemein deprimierend.

Mit dem neuen Krematorium war auch eine Gaskammer verbunden.
Über der Einganstür zur Gaskammer stand "BRAUSEBAD". Die "BRAUSEN" des Baderaumes waren in Wirklichkeit "Blechattrappen", enthielten aber keine Giftgasleitungen. Die Dachauer Gaskammer wurde nie in Betrieb genommen.
Die gesamte Anlage des Krematoriums wurde 1943 fertig gestellt. Sie hatte "Auskleideräume", ein "Brausebad" und eine Totenkammer.

Vor dem Krematorium steht die Statue eines "KZ-Häftlings", auf ihrem Podest stehen die Worte: "DEN TOTEN ZUR EHR DEN LEBENDEN ZUR MAHNUNG". Im hinteren Drittel des Lagers sind drei Gedenkstätten errichtet worden:
Die evangelische Versöhnungskirche, errichtet 1967
Die katholische Todesangst-Christi-Kapelle, errichtet 1960
Die jüdische Gedenkstätte errichtet 1967
Im Norden des Konzentrationslagers wurde 1964 das Karmelitinnenkloster Heilig Blut erbaut.

In der Nähe der KZ-Gedenkstätte befindet sich der KZ-Friedhof auf der Leiten. Auf diesem Friedhof steht diese von den Italienern errichtete Gedenk-Kapelle. Auf diesem Friedhof steht auch dieses Gedenkkreuz.

Ebenfalls in der näheren Umgebung der Gedenkstätte liegt der ehemalige Schießplatz der SS.
Heute stehen hier zwei Gedenktafeln, die an die dunkelsten Stunden des Nazi-Terrors erinnern.

BILANZ DER VERNICHTUNG IN DACHAU
Als Gesamtzahl der durch Dachau gegangenen Häftlinge wird 206.206 angegeben. Verlass auf diese Zahl besteht jedoch nicht,
da manche Häftlinge nicht registriert wurden, andere die Nummer früherer Häftlinge erhielten.
Seit 1940 sind in Dachau 27.839 Gefangene ermordet worden.

PERSÖNLICHER EINDRUCK VOM BESUCH DER KZ-GEDENKSTÄTTE IN DACHAU
Vor meinem Besuch in Dachau wusste ich eigentlich nur, dass die Gefangenen in den Konzentrationslagern unter unmenschlichen Bedingungen leben mussten, und dass tausende von Gefangenen zu Tode gequält oder vergast wurden.
Doch die Vorstellung, die ich von den "Lebensbedingungen" in den Konzentrationslagern hatte, waren nicht annähernd so, wie ich es hier erfahren habe.
Wie schlecht, das ist noch milde ausgedrückt, die "Lebensbedingungen" waren, erkennt man schon an den Zahlen, die ich im Text zu Bild Nr. 10 schon genannt habe. Die Baracken waren also zu 444,44 % belegt.
Alles in allem habe ich durch die Besichtigung des ehemaligen Konzentrationslagers sehr viel neue Eindrücke sammeln können, wie man sie durch kein Buch, keinen Vortrag oder Film richtig weitergeben, bzw. vermitteln kann.
Um diese neuen Eindrücke zu verarbeiten, habe ich mehrere Tage Zeit gebraucht, in denen ich immer wieder über den Sinn der Unterdrückung anderer Rassen oder Glaubensgruppen nachdachte.
Einen Sinn fand ich nicht.
© 2001 Michael Knoke
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