Das Buchenwaldlied

Wenn der Tag erwacht, eh' die Sonne lacht,
die Kolonnen ziehn zu des Tages Mühn
hinein in den grauenden Morgen.
Und der Wald ist schwarz und der Himmel rot,
und wir tragen im Brotsack ein Stückchen Brot
und im Herzen, im Herzen die Sorgen.

O Buchenwald, ich kann dich nicht vergessen,
weil du mein Schicksal bist.
Wer dich verließ, der kann es erst ermessen.
wie wundervoll die Freiheit ist!
O Buchenwald, wir jammern nicht und klagen,
und was auch unser Schicksal sei,
wir wollen ja zum Leben sagen,
denn einmal kommt der Tag: dann sind wir frei!

Und das Blut ist heiß und das Mädel fern,
und der Wind singt leis, und ich hab' sie so gern,
wenn treu sie, ja treu sie nur bliebe!
Und die Steine sind hart, aber fest unser Tritt,
und wir tragen die Picken und Spaten mit
und im Herzen, im Herzen die Liebe.

O Buchenwald, ich kann ...
Und die Nacht ist so kurz, und der Tag ist so lang,
doch ein Lied erklingt, das die Heimat sang.
Wir lassen den Mut uns nicht rauben.
Halte Schritt, Kamerad, und verlier nicht den Mut,
den wir tragen den Willen zum Leben im Blut
und im Herzen, im Herzen den Glauben.

O Buchenwald, ich kann ...

Buchenwaldlied Instrumentalversion
(MP3-Datei 757kB)


Ende 1938 erklärte der damalige Lagerführer Rödl "Alle anderen Lager haben ein Lied, wir müssen auch ein Buchenwald-Lied bekommen. Wer eines macht, bekommt 10 Mark." Es wurden nun viele Entwürfe von "Dichtern" und "Komponisten" gemacht, aber sie taugten alle nichts oder fanden bei der SS-Führung keinen Beifall. Nur das Lied, das dann ja auch zur offiziellen "Buchenwald-Hymne" erklärt wurde, setzte sich durch, weil der damalige Kapo der Poststelle, ein BVer, über die nötigen Verbindungen bei, der SS verfügte. Der genannte Kapo bezeichnete sich als Verfasser von Wort und Melodie des Liedes. In Warheit ist das Lied von zwei österreichischen Häftlingen gemacht: der Text von Löhner-Beda, dem Librettisten Lehars, die Musik von Leopoldi, einem Wiener Kabarettsänger.
Text und Melodie des Liedes mußten auf den Blocks in der Freizeit eingeübt werden, bis es eines Tages nach dem Abendappell - es war Ende Dezember 1938, bitterkalt und alles tief verschneit - hieß: "Das Buchenwald-Lied singen!" Selbstverständlich konnte das beim ersten Mal (11.000 Menschen standen auf dem Appellplatz) nicht klappen. Wütend ließ der stinkbesoffene Rödel aufhören und gab den Befehl, daß jeder Block auf dem Appellplatz solange für sich üben müsse, bis das Lied klappe. Man kann sich denken, welch infernalisches Konzert auf dem Platz losging. Als Rödl merkte, daß es auf diese Weise nicht ging, ließ er Strophe für Strophe gemeinsam singen und immer aufs neue wiederholen. Erst nachdem das ganze Lager auf diese Weise etwa vier Stunden in bitterster Kälte gestanden hatte, gab er den Befehl zum Abmarsch. Aber während sonst jeder Block einfach kehrt machte und im Lager zurückging, war es diesmal anders. In Zehnerreihen ausgerichtet, mußte jeder Block am Tor bei Rödl und anderen betrunkenen SS-Führern stramm vorbeimarschieren und dabei das Buchenwald-Lied singen. Wehe dem Block, der nicht genau ausgerichtet ankam oder bei dem das Singen noch nicht ganz nach Rödls Wunsch klappte! Er mußte unbarmherzig zurück und nochmals vorbeimarschieren. Endlich, gegen 10 Uhr abends, kamen wir ausgehungert und steif gefroren auf unsere Blocks. Diese Szene im tiefsten Winter, als die hungernden und frierenden Menschen im grellen Licht der Scheinwerfer im tiefen, grellweißen Schnee auf dem Appellplatz singend standen, hat sich jedem Teilnehmer unauslöschlich ins Gedächtnis gegraben.
Bericht von Stefan Heymann, ehemaliger Häftling
geschrieben 1945